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Neue Zeiten – I – die Helden von Heute
Grüße aus dem Äther, gehasste Leser. Ich, Zordan L. Zornebrecht, Magus Extraordinarius Puniniensis (990-1026 BF), bin auf meinen Reisen durch die unglaublich lächerliche, bisweilen aber recht interessante Welt der Sterblichen erneut auf faszinierende Phänomene gestoßen.
Ich bin ja im Allgemeinen ein freundlicher und hilfsbereiter Geist, der sich auch gerne rufen lässt, um Helden Fragen zu beantworten (natürlich nur so, dass sie kein Wort verstehen und sich das Gehirn zu Brei verflüssigt, wenn sie versuchen, meine kryptischen Botschaften zu entschlüsseln).
Doch in der letzten Zeit passieren Dinge, die gibt’s gar nicht. Ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen waren die unerfahrenen Möchtegern-Abenteurer ein rechtes Standard-Modell. Ein Krieger, ein Elf, ein Zwerg, ein verwegen aussehender Langfinger und natürlich der Magier, der mich gerufen hat. Schön, abgerundet und altbewährt, wie es sich gehört. Doch seit einigen Monden (an die dämonischen Leser dieser Zeitung: Ein Mond oder Monat ist ein Begriff aus der Zeitrechnung und hat für die Niederhöllen keinerlei Bedeutung) ändert sich dieses Bild stark. Anstatt der wie aus Agrimoths Akkord-Fabriken gepressten Standardhelden erblicke ich immer häufiger Leute, deren Existenz ich anzweifeln würde, hätte ich sie nicht gesehen.
Die scheinbar als Standard geltenden Helden von heute sind irgendwie anders: Irgendwie… neurotisch. Fast jeder ist reizbar wie Karmoth, verrückt wie Beel-Ymash oder aber wird von mindestens drei Weltreichen wegen irgendwelcher Verbrechen gesucht. Kaum einer ist noch furchtsam vor Toten oder Untoten, dafür aber sind sie alle derart zwangsneugierig, dass jeder Forscher der alten Zeit erblassen würde, denn plötzlich ist er der teilnahmsloseste aller Weltenbummler neben diesen Forschungsbesessenen. Und wenn nicht das auf sie zutrifft, dann leiden sie an den seltsamsten Dingen. An von den dämonischen Brüdern unserer Leserschaft zugefügten Wunden, fehlenden Schatten, Echsenschuppen auf den Armen; die durchschnittliche Anzahl der Gliedmaßen eines Helden beträgt 3,4 und die seiner Sinnesorgane 4,1 (davon maximal 3,5 funktionstüchtig). Ich frage mich, woher all diese seltsamen Burschen kommen.
Auf der Suche nach der Lösung verschlug es mich schließlich in eine Kneipe, in der ich Liscom von Fasar traf, leicht betrunken und nur noch bedingt dazu in der Lage, auf seinen zwei fleischlichen Beinen zu stehen (er begreift einfach nicht, dass ein Körper nur Ärger mit sich bringt). Ich setzte mich hinzu und fragte ihn auf eine mir als Magier völlig wesensverwandte, subtile Art und Weise über die Neuen Helden aus:
„Pass auf Liscom, wenn du mir sagst, warum die Neuen Helden so seltsam sind, sage ich Quästor ter Brake nicht, dass du hier bist.“
Er redete seltsamerweise wie ein Wasserfall, nachdem ich dies gesagt hatte: „PassaufdasistsoindiesensiebenSphärenwirstdukeineAntwortfindenunddeshalb
musstduinDieRealitätreisenummiteinemDSAMeisteroderSpielerzusprechendenn
diewissenmehrundsagbittebittenichtdemQuästorwoichbinermöchtesogerneseine
neuenDaumenschraubenausprobieren…“
„Aber Liscom, selbst wenn der Quästor diesen Artikel liest, wird er nicht erfahren, dass du dich derzeit im Gasthof „Morgenstern“ in Alt-Gareth aufhältst.“ beruhigte ich ihn und brach auf, um die Sphärenreise in die Realität vorzubereiten.
Ehrlich gesagt, ich war aufgeregt, denn bislang hatte ich Die Realität für einen Mythos gehalten. Ein reichlich verrückter Philosoph hatte die Theorie aufgestellt, jeder Aventurier, vor allem Helden, seien in Wirklichkeit von Menschen in einer anderen Welt erfundene Scheinwesen, die sich allein aus einigen Zahlen und Worten auf einem Blatt Pergament zusammensetzen und deren Handlungen von Würfeln – Würfeln! – gelenkt werden. Lächerlich, aber Liscom log nicht. Liscom lügt nie, wenn ich den Namen des Quästors erwähne. Ich suchte einen geeigneten Kraftknoten, fand ihn in der Gor, machte das Werk Tarlisin von Borbras und Hasrabals zunichte und riss den Sphärenriss, den sie nur notdürftig mit Arcano-Krepp geflickt hatten, wieder auf und machte mich auf den Weg. Was ich in der Realität alles erlebte und über die Neuen Helden erfuhr, berichte ich ein anderes Mal, denn der Quästor steht hinter mir und hat selbstvergessen gemurmelt: „Die Redaktion hat übrigens Folter für Autoren eingeführt, die zu viel schreiben, wusstest du das, Zornebrecht?“
© by Matthias Brune, Paderborn
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