Niederhöllischer Bote
"Ihr Leid ist unsere Leidenschaft." (Wahlspruch der Belzorash Farben AG)
Wissenschaft Immanuel Zant Psychotest Lebensart Geschichten Gesänge
MitarbeiterImpressumAuf einen BlickSportTitelblattDer NamenloseHin- und VerweiseKurzer BilderspaßLeserbriefeDie Siebte SphäreKultur und UnterhaltungBekanntmachungenRestwelt


Tarven der Schäfer


…und so geschah es schließlich, das man ihnen keine Statue errichtete und sie auch sonst in keinster Weise würdigte. Ja manche Leute behaupteten sogar, man hätte sie mit Fackeln und Forken aus der Stadt gejagt, aber das ist wohl doch übertrieben.
Sie, das waren drei tapfere junge Gesellen, die einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und eine sehr weise Entscheidung trafen. Oder vielleicht waren sie auch am falschen Ort zur falschen Zeit. Aber urteilt lieber selbst.
Die Geschichte beginnt in einem ruhigen kleinen Dorf von gerade mal einem dutzend Häusern, die von einigen kleineren Hügeln umgeben waren. Obwohl Häuser vielleicht der falsche Ausdruck ist, eher Hütten, aus Holzresten und den Steinen einer nahegelegenen und lange verfallenen Burg notdürftig zusammengebaut. Doch so arm die Leute waren, so zufrieden und glücklich waren sie auch, denn es gab kein Leid und keinen Hunger in ihrer kleinen Idylle, keinen Hass und keine Missgunst. Hier, fernab von allen größeren Handelstrassen, wo nur selten ein verirrter Reisender Halt machte und von den freundlichen Bewohnern wie selbstverständlich aufgenommen wurde, war wahrhaftig einer der friedlichsten Plätze auf Sumus Leib. Und hier, in der kleinen Hütte des Schäfers, der trotz der nahenden Niederkunft seiner Frau ruhigen Gewissens seine Herde auf eine naheliegende Weide bringen konnte, weil er sich der Hilfe der erfahrenen Frauen des Dorfes sicher sein konnte, erleben wir in diesem Augenblick die Geburt des ersten unserer
drei Protagonisten. Sein Vater wird ihn Tarven nennen, denn so hatte sein eigener Vater geheißen und das war ein gütiger und strenger Herr gewesen, der seinen Sohn nur bei drei Gelegenheiten geschlagen hatte und mindestens zwei davon waren voll und ganz gerechtfertigt. Bei der dritten war sich der Schäfer, der selbst von seinem Vater Organd genannt worden war, nicht mehr ganz sicher. Das lag wahrscheinlich daran, dass diese dritte Geschichte unter anderem mit dem übermäßigen Genuss von Alkohol zu tun gehabt hatte. Aber er hatte seinen Vater vorbehaltlos geliebt und ihn als starken Mann respektiert, daher war es nur natürlich, dass er seinem eigenen Sohn dessen starken Namen gab. Aber noch ist es nicht so weit. Noch liegt die werdende Mutter darnieder und krümmt sich vor Schmerzen und flucht mit Worten, die man in diesem Ort nur und ausschliesslich bei solchen Gelegenheiten hört. Und das auch erst, seitdem sich dereinst ein Thorwaler hierher verlaufen hatte und erfahren musste, das es hier nicht nur keine
Taverne gab, sondern darüber hinaus auch niemand im Besitz von „Premer Feuer“ war.
Die älteren Frauen des Dorfes beruhigen die Schwangere mit Worten so gut es geht, halten ihre Hand und tupfen mit Lappen ihre Stirn, aber ihre Qual bleibt. Dieselbe Qual, in der sich Sumu selbst befand, als das Leben auf ihr gebar. Todesqualen übergeben von der All-Mutter an ihre Geschöpfe um das Geschenk des Lebens zu würdigen. Man sagt der Schwangeren, das es beim zweiten Kind alles schon viel leichter gehen wird, aber sie lacht nur gehässig und verspricht, dieses eine Kind eigenhändig zu erwürgen, wenn es nicht bald aus ihrem Bauch verschwindet. Die Frauen stört das nicht. Sie sind solche Worte gewohnt und wissen ganz genau, das diese Frau ihr Kind lieben wird, sobald sie es sieht. Gerade diese Frau, die so lieblich und anmutig ist und für jeden ein freundliches Wort hat und ihrem Mann noch nie einen Grund gab, die Hand gegen sie zu erheben. Ja, sie wird ihr Kind lieben. Und vielleicht ist das ein Teil des Problems.
Jetzt sagen sie ihr, sie solle pressen und bei den Göttern ja, sie presst. Sie presst, bis ihr Kopf purpurn anläuft und dann noch weiter und immer weiter. Und als sie schon meint, ihr Bauch müsse platzen und das Kind würde dennoch auf ewig in ihr drin bleiben, da hält es die älteste der Frauen triumphierend hoch und die nun nicht mehr Schwangere wird ohnmächtig vor Erschöpfung.
Als sie wieder erwacht, ist es schon dunkel. Man hat sie gewaschen und umgezogen und sie fühlt eine seltsame Leere in sich. Einen Herzschlag lang ist sie verwirrt und weiß nicht, wieso sie das Baby in ihrem Bauch nicht mehr fühlen kann, aber da kommt auch schon eine der älteren Frauen hinein und bringt ihr ihren Sohn. Ihren wunderschönen kräftigen Sohn, der sich sofort an ihre Brust kuschelt. Und sie liebt ihren Sohn, jetzt und für alle Zeit. Egal, was der junge Tarven auch anstellt. Ob er nun der kleinen Tochter der Nachbarin die schönen goldenen Zöpfe abschneidet oder das trächtige Schaf seines Vaters so lange jagt, bis sie ihr Junges verliert, sie wird ihn lieben und ihn trösten, nachdem sein gerechter Herr Vater ihm den Hosenboden strammgezogen hat. Und so wächst das kleine Baby in ihrem Arm langsam zu einem stattlichen Jüngling heran, der mit seinen schwarzen Locken und seinen tiefbraunen großen Augen ein ums andere Mal dafür Sorge trägt, das den Frauen des Dorfes in den Lenden sehr warm wird, wenn s ie seiner nur ansichtig werden. Aber ihn interessieren Frauen noch nicht und selbst wenn, hat ihm seine Mutter doch so oft von Prinzessinnen aus fernen Landen erzählt, das er sich nie für eine der bäuerlichen Weiber des Dorfes erwärmen könnte. Also streift er lieber mit der Schafherde seines Vaters durch die Wiesen und behandelt das Schaf, dessen Junges er unabsichtlicherweise getötet hat, noch ein wenig besser als die anderen, ohne diese jedoch zu vernachlässigen. Man kann also ohne Übertreibung behaupten, dass dieser Junge eine glückliche Kindheit hatte und somit die besten Voraussetzungen, um ein glückliches Leben zu führen.
Und dennoch, manchmal hilft das alles nicht, wenn es das Schicksal nicht gut mit einem meint.
So kam es, das Tarven eines Tages mit seiner Herde von einem Wolkenbruch überrascht wurde, der in dieser Gegend seinesgleichen noch nicht gesehen hatte. Der junge Schäfer war mehr als einfach nur verärgert. Nicht nur, das ihn sein großer Zeh, der sonst jeglichen Regen zuverlässig voraussagen konnte, schmählich im Stich gelassen hatte, nein, ihm war auch noch eines der jüngeren Schafe abhanden gekommen, als sie in eine nahe Höhle geflohen waren. Also stapfte er mäßig gelaunt durch ein Wetter, das wohl nur dem fernen Herrn Efferd gefallen konnte und suchte diese eine Schaf, während sich der Rest der Herde im Trockenen zusammenkauerte.
Seine Kleidung war schon bis auf die Haut durchnässt gewesen, bevor er die Höhle erreicht hatte, aber jetzt war auch seine Haut bis auf die Knochen nass. Und der Weg wurde immer beschwerlicher, denn hier war der Boden überall weich und fruchtbar und sog das Wasser auf, wie ein Schwamm. Leider eben nicht nur das Wasser. Dieser dumme dumme Boden versuchte auch gleich, seine Schuhe mit aufzusaugen und schon zweimal hatte er einen seiner Schuhe aus einem Schlammloch ziehen müssen, sodass er schließlich beschloss, sie ganz auszuziehen und barfuss weiterzusuchen. Aber so sehr er auch suchte, das Schaf blieb verschwunden. Sein Vater würde schön toben, wenn er mit einem Schaf zu wenig wiederkäme, also gab er nicht auf, sondern suchte immer weiter, bis endlich sogar das Wetter ein Einsehen hatte und der Regen langsam nachließ. Jetzt erst sah er, dass er weiter vom Dorf entfernt war als jemals zuvor, und genaugenommen wusste er gar nicht mehr, wo genau sein Dorf sich denn überhaupt befand. Mit einem Mal fühlte er s ich ganz und gar verlassen und einsam auf der Welt. Kein Vogel sang sein Lied, kein Schaf blökte und überhaupt konnte er kein einziges Tiergeräusch ausmachen. Vielleicht hatte er im Regen die Welt verlassen und war jetzt an einem leeren Ort gelandet, der zwar aussah wie sein Zuhause, aber an dem außer Pflanzen kein Wesen lebte.
Während er noch diesen trüben und erschreckenden Gedanken nachhing und diese Fantasie in seinem Kopf immer weiter ausbaute wurde er allerdings schon von einem anderen lebenden Wesen beobachtet. Einem Wesen, das zwar weitaus gebildetere Gesellschaft gewohnt war, aber dennoch lieber zu zweit, denn allein am Lagerfeuer saß. Und wenn einer von den Zweien nur ein dummer Bauernjunge war, der außer seinem Dorf noch nichts von der Welt gesehen hatte, dann hatte man vielleicht wenigstens ein dankbares und begeistertes Publikum für das allzu oft verschmähte Meisterwerk dieses Wesens, einer Geschichte von Angor Warrenhoff und seinem Kampf gegen das Untier von Festum.


Nach Oben Zurück