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Sehnsüchtig blickte Amir zurück. Zurück auf Al Anfa, zurück auf sein Leben und zurück auf den Tag, der dieses Leben für immer verändert hatte. Dabei hatte alles so gut angefangen.
Mit zwei Kumpanen aus seiner Einheit hatte er wie so oft Wachdienst geschoben, den wohl langweiligsten Dienst, den man schieben konnte. Aber auch den lukrativsten Dienst. Denn aufgrund einer Übereinkunft, die Ingorf mit ihnen teilte, tauchte immer bei ihrem Wachdienst ein großer dunkler Wagen auf, den sie für viel Silber völlig ohne Kontrollen durchließen.
Er hatte keine Ahnung, was dieser finstere Wagen beförderte, der nur aus einer mannshohen schwarzen Kiste bestand, die völlig ohne Sichtluken und nur mit einer einzigen Klappe versehen war, aber er wollte es auch gar nicht wissen. Sicher ging es um irgendwelche reiche Leute, die verbotenen Vergnügungen nachgingen. Ingorf hatte ihnen auf jeden Fall versichert, dass man sich deswegen keine Sorgen machen müsse.
An diesem Tag aber war mitten in ihrem Wachdienst ihr Kommandeur gekommen und hatte ihnen Argol Alondrez gebracht, seinen jüngsten Sohn, der natürlich in der Armee seinen Dienst ableisten sollte und der sich ebenso natürlich wie der Herr Patrizier persönlich benahm, weil sein Vater hier das Kommando hatte.
Sie versuchten sich rauszureden und ergingen sich ausgiebig über die endlose Langeweile des Wachdienstes, aber weder Vater noch Sohn ließen sich umstimmen und so blieb ihnen nur übrig, sich in ihr Schicksal zu fügen.
Während der Dritte in ihrem Bunde, Ulfgar, dem jungen Kerl ausschweifend erklärte, wo welche Sachen im viel zu kleinen Wachhäuschen zu verstauen waren, damit man im Ernstfall nichts erst suchen musste, ging er daher mit Ingorf ein Stückchen weiter weg und sie berieten sich.
"Wir müssen ihn irgendwie ablenken, wenn die Kutsche kommt." eröffnete Ingorf das Gespräch, während er sich seine alte kleine Pfeife mit irgendwelchen mehr oder weniger exotischem Tabak stopfte. Amir hatte nie verstanden, wie sein Kamerad solche Sachen im Dienst rauchen konnte, ohne wirres Zeug zu reden. Als er einmal die angebotene Pfeife angenommen und einen tiefen Zug genommen hatte, war ihm sein Magen in einer grünen Wolke der Übelkeit wieder hochgekommen und sein Kopf hatte sich die folgende Stunde wie Watte angefühlt. Also trat er beiläufig aus dem Wind, um den Qualm nicht einatmen zu müssen.
"Das weiß ich auch. Wenn er mit seiner hochnäsigen Art die Papiere von dem Kutscher verlangt oder das Ding womöglich durchsuchen will, stecken wir in Schwierigkeiten. Aber wie sollen wir ihn ablenken?"
Ingorf hatte inzwischen fertig gestopft und die unsägliche Mischung entzündet. Sein Gesicht war hinter den ersten Qualmwolken kaum zu sehen, als er antwortete.
"Wenn wir die Kutsche kommen sehen, dann tun wir so, als hätten wir etwas in den nahe liegenden Büschen gesehen und schicken Ulfgar und Argol los, um nachzusehen. Ulfgar schafft es bestimmt, ihn lange genug in den Büschen herumkriechen zu lassen, bis der Wagen durch ist."
Amir nickte nachdenklich und sah zu Ulfgar hinüber, der ihm den hochgestreckten Daumen entgegenreckte. Ja, der alte Ulfgar konnte von ihnen am besten mit Leuten umgehen und fühlte sich in der Nähe der Kutsche sowieso nie wohl.
"Okay, so machen wirs." sagte er dann noch und sie trotteten wieder zum Wachhäuschen zurück, wo sich Argol schon beschwerte, dass hier niemand durchkam.
Eine Stunde später war es dann auch soweit. Ingorf entdeckte die Kutsche als erstes und gab dem vorher unterrichteten Ulfgar ein Zeichen. Der reagierte wie vereinbart.
"Hee, da drüben in den Büschen war doch was!" rief er halblaut zu ihrem jungen Störenfried und deutete auf eine Gruppe niedriger Sträucher. Wie erwartet, streckte sich der Heißsporn in freudiger Erwartung und suchte nach Hinweisen auf Schmuggler oder was auch immer sein jugendliches Herz sich wünschte.
"Komm Junge, wir sehen uns das mal näher an." Mit gezogenem Kurzschwert marschierte ihr Kamerad los, ihre wandelnde Komplikation im Schlepptau.
Auf halbem Weg zu den Büschen jedoch bemerkte Argol die heranrumpelnde Kutsche und sogar auf die Entfernung war zu erkennen, dass es ihm bei dem Anblick kalt den Rücken herunter lief. Gerade so wie es Amir auch gegangen war, als er dieses finstere Gefährt zum ersten Mal erblickt hatte und dann später wieder beim Anblick des noch finsteren Kutschers.
Entgegen allen Erwartungen sahen die beiden am Wachhäuschen Verbliebenen nun, wie der Frischling kehrt machte und zielstrebig zurückkehrte. Für die offenbar erfolglosen Überredungskünste Ulfgars hatte er nur eine gelangweilte Wegwerfgeste übrig. Hier war sein Interesse geweckt und seine Neugier hatte längst die Zügel übernommen.
Amir warf seinem immer noch rauchenden Kameraden einen kurzen Blick zu. Die Augen des Anderen waren zu Schlitzen verengt und der freie Mundwinkel flüsterte wüste Flüche auf das Balg. Noch war allerdings Hoffnung. Amir schätzte die Geschwindigkeit der Kutsche nämlich wesentlich höher ein als die des Jungen und wenn sie sich wirklich beeilten, konnten sie die Kutsche durchwinken, bevor er hier alles verdarb.
Leider war Argol offenbar zum gleichen Ergebnis gekommen und suchte sich genau diesen Moment aus, um loszurennen.
"Verdammt!" fluchte Ingorf und wandte den Blick dem Vierspänner zu, dessen Fahrer die ungewohnte Anzahl an Wachpersonal wohl auch wahrgenommen hatte.
Jetzt blieb ihnen wirklich nur noch übrig zu beten und auf den Kutscher zu hoffen. Wenn er sich nicht aus der Ruhe bringen ließe, könnten sie vielleicht noch mal davon kommen. Wenn sie nur wüssten, was er geladen hatte.
Was auch immer man dem Sohn des Kommandanten vorwerfen konnte, die Exerzitien hatte er offenbar mitgemacht wie jeder andere, wenn nicht besser. Kurz vor dem keuchenden Ulfgar erreichte er die Strasse gerade rechtzeitig um sich der Kutsche in den Weg zu stellen.
"HALT!" rief er dann mit ausgestrecktem Arm und einen kurzen Augenblick sah alles danach aus, als wolle der Kutscher ihn einfach über den Haufen fahren, dann aber riss er an den Zügeln und brachte die Pferde einen Schritt vor dem Grünschnabel zum Stehen.
"Was ist in Eurem Wagen?" fragte der Junge nun in befehlsgewohntem Ton, der keine Ausreden dulden wollte. Ein Junge seines Alters sollte so eine Stimme noch nicht haben dürfen. Vor allem nicht, wenn er ganz offensichtlich vom Aussehen der Kutsche und des Fahrers verängstigt war.
Der Kutscher nämlich blickte den Soldaten aus schwarzen Augen feindselig an, die in einem hohlwangigen, knochigen Gesicht ruhten. Schütteres weißes Haar lugte unter einem breitkrempigen schwarzen Hut hervor und erreichte kaum den langen, ebenso schwarzen Fuhrmannsmantel, der viel zu groß und zu dick für so eine dürre Gestalt wirkte.
Mit einer abweisenden Stimme flüsterte er dann auch seine heisere Antwort.
"Fleisch. Von verschiedenen Tieren."
Lass es gut sein, dachte Amir und fast sah es danach aus, aber offenbar wollte Argol sich nicht so schnell geschlagen geben.
"Habt Ihr einen Lieferschein?" fragte er mit einer gefassteren Stimme als es Amir selber möglich gewesen wäre.
"Nein", erwiderte der Kutscher noch feindseliger, "es ist eine private Lieferung."
"Dann öffnet den Wagen!" befahl Argol nun, worauf Ingorf scharf die Luft einsog und einmal mehr fluchte.
Der Junge, der das offenbar gehört hatte, wandte verwundert den Kopf und sah den älteren Soldaten etwas verwirrt an, so dass nur Amir und Ulfgar sehen konnten, wie der Kutscher die Peitsche hob und mit aller Wucht auf den Rücken des ersten Pferdes niedersausen ließ. Sofort bäumte sich das Pferd wiehernd auf, und obwohl sich der Grünschnabel pfeilschnell umdrehte und auszuweichen suchte, erwischte in ein Vorderhuf des Pferdes an der Schläfe und schleuderte ihn gut zwei Schritt den Weg zurück. Amir brauchte nicht näher heranzugehen um zu sehen, dass der Junge tot war, sein Kopf war völlig verdreht.
Aber er hatte sowieso keine Zeit, sich um den armen Kerl zu kümmern. Die anderen drei Pferde vor der Kutsche stiegen nun ebenfalls auf und galoppierten aus dem Stand mit einer unglaublichen Kraft los, die nicht nur den Kutscher überraschte, sondern offenbar auch die Deichsel, die der ungewohnten Anstrengung nachgab und einfach zersplitterte. Während die Pferde die Strasse entlang rasten, rollte die Kutsche führerlos und ungelenkt auf den Straßengraben zu und kippte dann mit einem lauten Ächzen und Splittern zur Seite. Amir war etwas überrascht, als der Kasten förmlich zerplatzte und tatsächlich Fleisch herausflog. Warum dann die ganze Heimlichtuerei? Auf den zweiten Blick erst bemerkte er, dass es sich um Menschenfleisch handelte. Genau genommen lagen tote Kinder vor ihm im Straßengraben, die teilweise unversehrt aber teilweise auch auf das fürchterlichste deformiert waren und obwohl seine Augen sich weigern wollten, alle Details aufzunehmen, brannte sich ihm das Bild eines wohl zehnjährigen Jungen ein, dessen Arme Tentakeln und dessen Beine haarig und behuft waren, bevor sich ein Nebel aus Abscheu über die Bilder legte und er sich krampfhaft übergab bis er das Gefühl hatte, seine Eingeweide müssten reißen.
Mitten in den Nebel aus Abscheu und Ekel drangen die gestammelten Worte Ulfgars, der die Körper ebenfalls erkannt hatte. Amir sah mit tränenverhangenen Augen zu seinem Kameraden rüber, als die Worte in ein Gurgeln übergingen und der Blick des anderen Soldaten erstaunt den eigenen Bauch traf, wo eine spannlange Klinge herausragte. Dann sank er auf die Knie und fiel vornüber.
Hinter ihm ragte ein undeutlicher Schatten auf, der sich langsam zum Kutscher verdichtete während Amir die Tränen ungläubig aus seinen Augen blinzelte. Brennend heiße Wut zog seinen Säbel aus der Scheide und ließ ihn mit einem unartikulierten Schrei auf diesen Unhold zustürmen. Anstatt zurückzuweichen, wollte sich der Mörder seines Kameraden dem Angriff stellen und hielt seinen kurzen Degen vor sich. Ohne die Waffe auch nur eines Blickes zu würdigen, wischte seine Wut sie mit dem Säbel zur Seite und stieß die Armeewaffe durch die Rippen seines Gegenüber geradewegs in die kalte, herzlose Brust.
Noch bevor der Kutscher seinen letzten Atemzug ausgestoßen hatte, sah Amir sich besorgt nach Ingorf um. Dieser trat nun neben ihn und betrachtete traurig die beiden Leichen.
"Schade um Ulfgar", seufzte er, "ich wünschte Ihr hättet das nie erfahren."
Mit schreckensgeweiteten Augen sah Amir seinen Kameraden an.
"Du hast es gewusst ?"
Der Andere sah in an wie ein kleines naives Kind.
"Natürlich. Was hast Du denn..."
Beide sahen erstaunt nach unten und beide waren gleichermaßen überrascht, Amirs Klinge in Ingorfs Bauch zu sehen. Dann gingen beide in die Knie und während der eine sich zusammenkauerte und hingebungsvoll schluchzte, sank der andere nach hinten und starrte zu den Sternen. Den fernen Sternen, die ihm auf ewig verschlossen sein würden.
Zum Wachwechsel wurde Amir inmitten der grausam entstellten Kinderleichen gefunden, die er immer und immer wieder um Vergebung bat. Einen Tag später quittierte er den Dienst und es war mehr als offensichtlich, dass man über seinen Entschluss sehr froh war. Ohne Familie, die ihn in Al Anfa hätte halten können, verließ er den alles verzehrenden Moloch so schnell es seine Füße zu ließen. Floh vor der Erinnerung an seine Kameraden und die anklagenden toten Kinderaugen, die ihn immer wieder zu fragen schienen ob er wenigstens genug Silber erhalten hatte...
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